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Die Geschichte vom lächelnden Kormoranstorch (Phalacrocorax grinsus)

Die Storchenstation in Möhlin ist weithin bekannt für Ihr Engagement und für tatkräftige Hilfe in Notfällen. Nicht nur Störche sondern auch anderen Tieren in Not kann oft geholfen werden, selbst wenn die Situation fast aussichtslos erscheint. Manchmal kommen bei diesen Aktionen sogar Arten vor, die so selten sind, dass man sie selbst in der Roten Liste der bedrohten Arten nicht finden kann! Der eindeutig seltenste ist der "lächelnde Kormoranstorch" (Phalacrocorax grinsus), der nur in Möhlin vorkam und hier von Jahr zu Jahr an der gleichen Stelle am Rhein bis zu seiner Entdeckung brütete. Die Geschichte seiner Entdeckung hat weltweit Aufsehen erregt, und soll hier nun zum ersten Mal in voller Länge schriftlich niedergelegt werden, um diesem äussert seltenen Vogel, trotz der nur einmaligen Beobachtung, seinen rechtmässigen Platz in den Annalen der allseits geachteten Ornitomanischen Gesellschaft (Englisch: Journal of Disputet Important Bird Areas) zu sichern.

storchbilder1_20070511_1766145234Eines schönen Tages im Frühjahr klopft es an der Tür der Storchenstation. Ob es wieder ein Notfall ist? Ist wieder ein Igel in den Lichtschacht geplumpst, oder hat ein übereifriger Stubentiger beim freudigen Vogelfressen Bekanntschaft mit einem spitzen Vogelschnabel gemacht? Draussen stehen in der Tat zwei junge Sheriffs, die einen Notruf bekommen haben. Marcel, der Leiter der Möhliner Storchenstation, erkennt sofort, dass diesmal etwas wirklich Schlimmes passiert sein muss. Die hitzige Diskussion über mögliche Verwendungen und Lagerung der Millionen von mit neuen Vereinslogos bedruckten Servietten, die von unserem übereifrigen Vereinspräsidenten spät nachts ohne Zustimmung des Vorstands bestellt wurden, ist abrupt beendet. Marcel springt auf, und reisst die Türe auf. Diesmal geht es tatsächlich um unseren besonderen Liebling, Herrn oder Frau Storch höchstpersönlich! Einer von unseren Möhliner Störchen, unseren Zöglingen, die hier
einfach zur Familie gehören, wurde von aufmerksamen und besorgten Mitbürgern, die es vorgezogen haben, aus Bescheidenheit hier anonym zu bleiben, in einer lebensbedrohlichen Notsituation gefunden. Nahe des Rheins, zwischen Möhlin und Rheinfelden, im zwischen beiden Gemeinden umstrittenen Grenzbereich, ist ein Storch dabei beobachtet worden, wie er mit den Flügeln verzweifelt flattert, aber nicht wegfliegen konnte. Sämtliche Versuche, ihn mit Kraft in die Luft zu werfen, um beim Start nachzuhelfen (wie es bekanntlich bei Mauerseglern seit Urzeiten erfolgreich in der Region praktiziert wird), haben nichts bewirkt, ausser ihm weitere Verletzungen zuzufügen´und seine Klagelaute noch zu verstärken. Der Notruf hat also über ein brandneues Natel mit GPS die Möhliner Polizei erreicht, die nun nach fachmännischer Hilfe bei der Rettungsaktion suchen. Da der erregte Notrufende mit seinem Natel die Satelliten-Koordinaten gerade noch durchgeben konnte, bevor die Batterie nachgab, sollte es kein Problem sein, den Storch zu finden.

Ohne mit der Wimper zu zucken entschliesst sich Marcel sofort zur Tat zu schreiten. Gemeinsam mit den beiden Polizisten fahren sie in Windeseile mit Blaulicht und Sirene durch Möhlin und das annektierte Riburg, in dem die Separatistenbewegung erst kürzlich in die Fasnachstcliquen hineingetrieben wurde, direkt in Richtung Tatort. Den jungen Polizisten, die ihre Sirene hier aufgrund der eher seltenen Notsituationen in der Umgebung bisher noch nie gebrauchen durften, steht der ungebremste Tatendrang ins Gesicht geschrieben. Schliesslich wurden sie jahrelang für solche Fälle ausgebildet. Doch immer wieder stellen sich den Akteuren Hindernisse in den Weg, die nur durch enormen Einsatz im Team kreativ überwunden werden können. Nachdem sie dem Elefanten, der aus einem Zoo ausgebüchst war und nach der Zerstörung des Spielplatzes bei der Storchenstation (wie kürzlich in "20 Minuten" berichtet) in Richtung Autobahnanschlussstelle Rheinfelden-Ost weitertrabte, kunstvoll ausgewichen waren ("Um den sollen sich die Rheinfelder Kollegen kümmern!"), stellte sich ihnen ein im Navi nicht erfasster, mächtiger Zaun in den Weg, in den sie kurzerhand ein polizeiautogrosses Loch hineinschnitten. Dann ging es einen sehr steilen Abhang hinunter, den sich wohl kaum ein Mitbürger getraut hätte, so halsbrecherisch in einem Auto ohne 4x4-Getriebe hinabzuschlittern. "In den amerikanischen Actionfilmen geht das doch auch, oder?" Wenn in Möhlin ein Storch in Not ist, dann kennen wir kein Pardon, und scheuen kein Risiko.

Mit der Hilfe modernster Polizeitechnik, unter anderem der mehr oder weniger genehmigten Ortung von Natels in der Umgebung, die das rasante Herzklopfen des Storches direkt übertragen und dabei mithelfen, weiter so effizient wie möglich zum Tatort zu navigieren, erreichen sie, nicht weit vom Rhein entfernt, den Ort der Storchenqualen. Dort hat sich bereits eine Menge von besorgten Schaulustigen aus der Region, die mit dem Fahrrad und Picknickausrüstung von der anderen Seite her, die auf einer alten Fahrradkarte angezeigt war, angereist sind, bereits zusammengefunden. Zwischen all den reichlich gedeckten Picknickdecken und Bergen aus Nussgipfeln, die eine Möhliner Bäckerei spontan gestiftet hat, taucht plötzlich ein Mann auf. "Dort hinten ist er, schnell, er braucht Hilfe, sonst verblutet er noch!" ruft er erregt, während er mit den Armen wild herumfuchtelt und den ohnehin schon in höchste Alarmbereitschaft versetzten Helfern weiter einheizt (und sie damit von den Nussgipfelbergen vertreibt). Marcel und die Polizisten eilen so schnell sie nur können an die Stelle, auf furchterregende Szenen gefasst. Doch dann, urplötzlich, geschieht etwas unglaubliches, noch nie dagewesenes. Am hellichten Tag, aus einem klaren blauen Himmel, fährt mit furchterregendem Donnerschlag ein Blitz vom Himmel herunter, der den in Not geratenen Storch mitten ins Herz trifft, noch bevor Marcel ihn selbst so richtig sehen konnte. Nachdem sich die Rauchwolke und der verbrannte Geruch verzogen hatte, sitzt da statt einem hübschen Storch ein mehr oder weniger anmutiger Kormoran! Alle bleiben wie angewurzelt stehen, völlig fassungslos. Der Kormoran lächelt ihnen zu, hebt langsam die Flügel und fliegt einfach davon, hinein in den blauen Rheintal-Himmel!

Nachdem die meisten Zuschauer ihre Fassung einigermassen wiedererlangten, nahm die Polizei die Aussagen der erregten Zeugen auf, die das Geschehen von Anfang an miterlebt haben, und nun im Mittelpunkt des Interesses stehen. Letztlich entschliesst man sich, diesen unheilvollen Ort zu verlassen, der Möhlin einen ihrer geliebten Störche auf so brutale Art gekostet hat, und die schwelenden Konflikte mit den stets erfolglosen Elsass-Lachs-Anglern am Rhein, die dem geheimnisvollen, lächelnden Kormoran sicher nicht wohlgensonnen sein dürften, noch verschlimmern könnte.

Doch der steile Abhang macht dem Polizeiauto auf dem Rückweg schwer zu schaffen. "Runterrutschen ist halt doch einfacher als hochkraxeln!" bemerkt ein frecher altkluger Junge, womit er sich einen zornigen Blick der Polizisten einhandelt, die nun wirklich einen sehr schweren Tag und viele Gefahren hinter sich haben. Also entschliesst man sich, einen anderen Weg zu finden. Schliesslich hat man ja modernste Navigationstechnik! Dass der Weg von schweren Baufahrzeugen versperrt wird, konnte man allerdings nicht ahnen. "Der war gestern nicht hier!", bemerkt der leitende Sheriff gereizt, worauf sein Deputy bestätigend nickt. Marcel wird es langsam unwohl, da die Sache mit den Servietten immer noch nicht geklärt ist. Jetzt gibt es laut Navi nur noch einen einzigen Ausweg aus dieser im wahrsten Sinne verfahrenen Situation. Irgendwie müsste man hier allerdings nun durch ein versperrtes Tor gelangen, das nach langer Fahrt durch den immer undurchdringlichen Dschungel am Rhein plötzlich auftaucht. Da die bereits erfolgreich eingesetzte Notfall-Zaunschere hier versagte, musste professionelle Hilfe über Polizeifunk gerufen werden. Die trifft dann auch schon nach mehr oder weniger kurzer Zeit in Form des Besitzers ein, der das Tor unerwartet durch das Umlegen eines Hebels für das Polizeiauto öffnet. Schweissgebadet, aber erleichtert sehen unsere Helden nach oben, wo der Kormoran noch immer über ihnen kreist. Wie der Feldstecher von Marcel eindeutig bestätigt ("nee, das ist kein Geier, ganz sicher!"), zeigt er immer noch dieses eigenartig süffisante Lächeln, das förmlich auf seinen Schnabel geschrieben zu sein scheint, und das zu seinem unverkennbaren Merkmal geworden ist.

So kommt es also, dass diese Ecke des Rheinufers seither als der "Hang des lächelnden Kormoranstorches" gilt. Pilgerfahrten dorthin werden übrigens von einigen Unternehmen vor Ort angeboten, die mit speziellen hangtüchtigen Fahrzeugen ausgerüstet sind, die von der Firma Porsche freundlicherweise kostengünstig bereitgestellt wurden. Proteste von den eher hartnäckigen Naturschützern über die leider schwer zu vermeidende Beeinträchtigung der naheliegenden Gelbbauchunkentümpel, Schwalbenkolonien, Mittelspecht-Eichen und Eisvogelbrutstätten am Bachtele durch die weit ausgezogenen und oft ausgelassenen Pilgerfahrten sind bisher auf wenig Gegenliebe bei den Besitzern der Eisbuden, der Souvenirläden, den Tourismusbeauftragten und den angrenzenden Tankstellenbetreibern gestossen, die bei der Gestaltung dieses Berichts durch das Heranziehen von verlässlichen Zeugen übrigens sehr mitgeholfen haben.

Bemerkung des vom Vorstand des Vereins eingesetzten anonymen Autorenteams: eine Ähnlichkeit mit in Möhlin und Umgebung lebenden Personen, ausser natürlich unseren hauseigenen Helden Marcel selbst, wäre total zufällig und in keinster Weise beabsichtigt. Wir möchten darauf hinweisen, dass es sich bei dieser Version der Geschichte zugegebenermassen um eine eher fortgeschrittene Version handelt. Im Vergleich zu vorigen Versionen, die von als sehr wahrheitliebenden bekannten Mitbürgern in örtlichen Gaststätten rein mündlich weitergereicht wurden, liegt in diesem Falle eine Übersetzung vom Möhlindeutsch ins Hochdeutsche vor, die beim Grillen an unserer Burstelhütte in der Gegenwart von vorzüglichem Schweizer Rotwein stattfand. Die Autoren haften daher nicht für etwaige Ungenauigkeiten in der Übersetzung. Die Originalversion der Geschichte in Möhlindeutsch gibt es im Bedarfsfall mündlich bei Marcel, der Spenden für die Storchenstation übrigens gerne entgegennimmt. Diese Spenden sollten allerdings keinesfalls als Entgelt für seine berümten Storchenstationsgeschichten betrachtet werden.